Tiere essen
Am 1. Oktober war Weltvegetariertag und gestern Erntedank. Nachdem ich mich nochmal vergewissert habe, dass man hierbei ausschließlich für die Ernte der Feldfrüchte dankbar ist, dachte ich: “Wie passend!”. Einen Zusammenhang gibt es aber anscheinend doch nicht. Jedenfalls ernähre ich mich bis auf meinen letzten Urlaub (3 x Fisch + 1 x Hüttenplatte als wir total erschöpft waren) jetzt seit etwas mehr als drei Monaten vegetarisch. Und ich werde immer überzeugter davon, dass es richtig ist, sich vegetarisch (meine Definition: Honig, Eier und Milch sind okay) zu ernähren und Freunden es ebenfalls zu empfehlen. Gut, drei Monate sind nicht viel. Und dann auch noch Regelbruch! Jonathan Safran Foer hat vor Jahren auch mal “klein” angefangen. In seinem Sachbuch “Tiere essen” (Partnerlink) beschreibt er dies so: “Wir waren Vegetarier, die ab und zu Fleisch aßen.”.
Tiere essen ist ein Sachbuch. Und Foer ist Amerikaner. Im Vorwort schreibt er zwar, dass die Umstände (besser: Zustände) in Deutschland nicht viel anders als in den USA sind, doch recht glauben kann ich daran nicht. Wie auch immer – Foer wollte das Buch schreiben, als er erfuhr, dass er Vater wird. Anschließend hat er rund drei Jahre für sein Werk recherchiert. Er wollte eine grundsätzliche Entscheidung treffen, wie er seinen Sohn “richtig” ernähren sollte: mit Fleisch, nur mit bestimmtem Fleisch oder ohne Fleisch? Er beleuchtet hierfür den amerikanischen Fleischkonsum von allen Seiten: aus Sicht der Tiere (so gut das ein Mensch eben kann), aus Sicht der Farmer, aus Sicht der Umwelt, aus Sicht der Verbraucher und so weiter. Er zitiert hierbei Unmengen von Studien, deren Institute mir als deutschem Staatsbürger überhaupt nichts sagen. Fazit seiner Forschung ist, dass Fleischkonsum allen Beteiligten, also den Konsumenten, der Umwelt und vor allem den Schlachttieren schadet – außer denjenigen, die damit Geschäfte machen. Und deren Einfluß und Macht ist seinen Recherchen zufolge in den USA mittlerweile so groß, dass sich daran so schnell nichts ändern wird. Er beleuchtet nicht nur die Tiermassenhaltung sondern auch die wenigen Kleinfarmer und -Schlachter, die möglichst im Einklang mit der Natur arbeiten. Ich nehme an, man kann die von ihm beschriebenen Betriebe mit Fleischzüchtern mit BIO-Siegel vergleichen. Diese Tendenzen befürwortet er deutlich, doch deren Marktanteil ist kaum der Rede wert. Da aber auch bei dieser Haltungsform und vor allem der anschließenden Schlachtung Tiere getötet (“Dieses Stück Fleisch stammt von einem Tier, das im besten Fall – und nur sehr wenige kommen so glimpflich davon – verbrannt, verstümmelt und ermordet wurde, damit ein Mensch einige wenige Minuten lang Genuss verspürt. Rechtfertigt dieser Genuss diese Mittel?“) werden, entscheidet er für sich, sich und seinen Sohn konsequent vegetarisch zu ernähren. Da wir alle, so seine Ansicht, durch die Lebensmittelindustrie seit Jahrzehnten indoktriniert sind, wird der ein oder andere Leser sicher sofort einwänden, eine ausschließlich vegetarische Ernährung sei ungesund, insbesondere für Kleinkinder oder gar Babies. Es gibt jedoch zahlreiche Studien, die das widerlegen (btw: noch fühle ich mich super). Die Gegenüberstellung von diversen Studien oder auch Interviews mit Mitarbeitern völlig gegensetzlicher Interessengruppen machen den Reiz des Buches aus – er lässt den Leser selbst entscheiden, was richtig ist. Foer stellt alle Positionen sachlich dar und trifft anschließend seine eigene Entscheidung.
Und jetzt der Brückenschlag, denn was hat das mit Selbstversorgung zu tun? Noch bin ich meilenweit davon entfernt, mich komplett selbst zu versorgen / autark zu leben, doch ein Traum ist es nach wie vor. Und wer keine Lebensmittel kaufen möchte, muss genau wie Foer entscheiden, ob er Fleisch essen will oder nicht. Ralf hat kürzlich geschrieben, dass es ihm davor graut, seine Hühner zu schlachten. Würde mir mit Sicherheit genauso gehen. Also lasse ich es. Aber nicht nur aus diesem Grund. Ich liebe meinen Hund Lucy und versuche, ihr ein möglichst angenehmes Leben zu bieten. Wieso sollte ich das mit Hühnern oder Ziegen nicht genauso tun? George Orwells Antwort aus der Farm der Tiere:
“Alle Tiere sind gleich, doch manche sind gleicher.”
Ich habe meine Entscheidung getroffen und stehe voll und ganz dahinter. Ich wünsche mir, diese Entscheidung künftig konsequent zu leben und hoffe, dass mir das gelingt. Gründe fürs vegetarisch leben gibt es mehr als genug. Wer´s nicht glaubt, sollte mal “Tiere essen” lesen ;-)


ich könnte fast sagen nach Jahrzehnten vegetarisch leben: Es fehlt mir nichts, ich vermisse nichts und mir geht es gut :)
Wenn ich es nicht schon so lange aus Überzeugung sein würde, ich würde das Buch sofort lesen wollen!!!
Dann mal durchhalten, denn der Mensch ist sehr von Gewohnheiten geprägt und je länger man eine Gewohnheit pflegt, um so leichter fällt einem diese.
Liebe Grüße
Ralf
Moin Ralf,
ja, ich bin guten Mutes, dass es mir gelingt. Und ich gebe Dir recht: was uns schmeckt, ist uns von Kindheitstagen an über Jahre/Jahrzehnte quasi anerzogen/angewöhnt worden.
Was habt Ihr mit Euren Kindern gemacht? Ich nehme mal an, Ihr habt zumindest auf wenig Fleischkonsum und vermutlich auch Fleisch, dessen Ursprung Ihr kennt, geachtet. Oder auch vegetarisch?
Viele Grüße
Daniel
Hi Daniel,
15 Jahre Vegetarierin und dann das Verdrängen wie Foer es so gut bechreibt. Jahrelang klappte dann “Hauptsache artgerechte Haltung,Slow Food, ich weiß wo es herkommt…”. Und trotzdem wachsendes Unbehagen, jetzt endlich auch Dank des Buches lebe ich seit 3 Wochen wieder vegetarisch. Ich empfinde es als ganz leicht und kann mich wieder im Spiegel angucken und den Kühen auf der Weide in die Augen.
Schwierig fand ich immer die besonderen Festtage oder Essen gehen, man “verdirbt” allen anderen ein wenig das Essen von Tieren weil sie sich durch dich erinnern was sie dort tun. Das ging mir in meiner tiereessenden Zeit genauso mit den anwesenden Vegetariern. Auch Weihnachten muß jetzt wieder neu definiert werden, neue Essenstraditionen geschaffen werden.
Was gibt es denn bei euch zu Weihnachten?
Viele Grüße aus Fiefhusen und gutes Gelingen wünscht Stephanie
Hi Steph,
wir hatten die letzten Monate mehrere geschäftliche Veranstaltungen mit jeweils 20 – 40 Teilnehmern. Ich war immer der einzige Vegetarier! Okay, ich weiß schon lange, dass ich in der falschen Branche arbeite, aber damit hätte ich trotzdem nicht gerechnet. Aber es macht mir auch überhaupt nichts aus und je nach Situation lasse ich auch mal einen bösen Kommentar los.
Weihnachten: ich nehme an das wird wie jedes Jahr bei der Mutter meiner Lebensgefährtin gefeiert. Und da meine LG auch über ein Jahrzehnt Vegetarier war, ist Rücksichtnahme in der Familie trainiert. Da mache ich mir überhaupt keine Gedanken. Irgendwas werde ich schon bekommen :-)
Viele Grüße
Daniel